Das heilige Weibliche – Die Rückkehr des Gleichgewichts in der Welt

Interview mit der amerikanischen Heilerin Rosalyn Bruyere
18. Dezember 2012

Übersetzung: Elfriede Ammann

Die Fragen wurden von SchülerInnen der Crucible-Ausbildung in Deutschland eingereicht.

Was ist das heilige Weibliche und wie drückt es sich im Menschen, im Tier und in der Natur aus?
Man verwendet den Ausdruck 'das heilige Weibliche', um den Unterschied zwischen einer männlichen und einer weiblichen Gottheit bewusst zu machen, insbesondere unsere Erwartungshaltung Gott gegenüber. Die weibliche Seite Gottes beinhaltet ein größeres Gewahrsein der wesensgemäßen Zyklen in allen Lebewesen. Sie ermöglicht ein tieferes Verständnis des notwendigen Gleichgewichts zwischen dem männlichen und weiblichen Prinzip.

Was ist die Funktion oder die Aufgabe des heiligen Weiblichen?
Jeder spirituelle Impuls hat die Aufgabe, uns, die wir Kinder Gottes sind, Einsichten über uns zu vermitteln. Ich beziehe mich hier auf den Einen ungeschlechtlichen Gott, den Anfang aller Dinge, der über einen schöpferischen und einen fruchtbaren Aspekt verfügt. Das Zeugen und Empfangen, das Heranreifen, das Erkennen, das Vertiefen, ist jeweils ein Ausdruck der Vereinigung der weiblichen Seite  Gottes mit dem Göttlichen.

Gibt es auch eine Schattenseite des heiligen Weiblichen?
Falls mit dieser Frage der menschliche Aspekt gemeint ist, dann ja. Manche Feministinnen haben versucht, uns weiszumachen, dass das Weibliche dem Männlichen gewissermaßen übergeordnet ist. Sie meinen, dass es keine Kriege mehr geben würde und alles wie in einem gut geführten Haus wie am Schnürchen laufen würde, wenn weltweit mehr Frauen Führungspositionen einnähmen. Die Vorgehensweise des heiligen Weiblichen ist, Unterschiede zu respektieren und sich stärker zu engagieren, um das Gleichgewicht zu bewahren. Es hat sich gezeigt, dass Idealismus nicht gleichbedeutend ist mit Weisheit. Ein schlichtes Gemüt genügt nicht, um zu den Erkenntnissen zu gelangen, die vonnöten sind. 

Es hat den Anschein, dass das heilige Weibliche im Übergang vom Fische-Zeitalter zum Wassermann-Zeitalter wieder in den Vordergrund tritt. Haben sich die weiblichen Qualitäten im Lauf der Geschichte verändert? Welche weiblichen Qualitäten sind nun zeitgemäß?
Weibliche Eigenschaften sind nicht gleichbedeutend mit der femininen Seite Gottes. Sie haben sich im Lauf der Geschichte auch nicht verändert. Das Ideal des Wassermannzeitalters ist Ebenbürtigkeit und ein erweitertes Gewahrsein darüber, dass wir sowohl zeitlich als auch räumlich miteinander verbunden sind. Wenn beispielsweise auf Island ein Vulkan ausbricht, so kann das in weiten Teilen Europas den Luft- und Reiseverkehr und die Wirtschaft eine Zeitlang nachhaltig beeinträchtigen. Früher, als die Menschen die Ursache einer Aschewolke am Himmel nicht auszumachen vermochten, haben sie vermutlich verzweifelt auf ein solches Ereignis reagiert. Heutzutage erkennen wir jedoch, was diese Veränderung herbeigeführt hat, können die Situation hinnehmen und uns weisungsgemäß verhalten, um eine möglicherweise daraus resultierende Versorgungsknappheit, die Tausende von Leben kosten könnte, zu verhindern.

Wie wird das heilige Weibliche im beginnenden Neuen Zeitalter integriert?
Wenn wir unsere ganze Kraft damit verschwenden, uns unserer anderen Hälfte gegenüber überlegen zu fühlen, lässt sich das heilige Weibliche nicht leicht integrieren. Wir vergeuden Energie, indem wir versuchen, die Geschichte zugunsten einer Seite zurechtzubiegen, statt die Quintessenz der Geschichte zu erfassen und unser Verhalten entsprechend umzustellen.

Wie können wir uns bewusst mit der Lebenskraft des heiligen Weiblichen verbinden und es in unseren Alltag einbinden?
Indem wir uns fragen, wie sich jeder künftig verbessern kann, ob wir einen Baum pflanzen oder einfach so miteinander umgehen wie wir uns vorstellen, dass die Göttin mit uns umginge. Entscheidend ist, zu wissen, wo du stehst und dich von dort aus weiterzuentwickeln.

Wie wird die dreifältige Göttin - ausgedrückt in den Farben weiß, rot und schwarz - in der kulturellen Entwicklung wieder Bedeutung erlangen?
Weiß, rot und schwarz? Wirklich? Verwendet man beliebige Kombinationen aus drei Farben, die Jugend, Fülle und Weisheit symbolisieren, so kann man auch die Rot-Weiß-Schwarz-Kombination auswählen. Diese drei Farben assoziiere ich jedoch mit einer ausgedienten Schreibmaschine. Ich stelle mir vor, dass es außer der Dreifarbendarstellung auch andere Ansätze gibt, um die genannten drei Aspekte auszudrücken. Die Dreieinigkeit ist ein natürlicher Weg, um die Gesichter Gottes darzustellen. Sie werden im Gemüt eines Künstlers einen Abdruck hinterlassen, woraufhin sich ein Erkenntnistrend verbunden mit einem Bild oder Schlagwort abzeichnen kann, mit dem sich die Menschen eine gewisse Zeitlang auseinandersetzen werden.

Ist es möglich, das heilige Weibliche in der Medizin und Heilkunde wieder aufleben zu lassen?
Heilung und Zuwendung sind bereits ein Teil von Medizin und Heilkunde. Man könnte die weibliche Seite Gottes jedoch unmittelbarer in sie einbringen. Dies entfaltet sich bereits im Anfangsstadium. Erst wenn die Patienten darauf bestehen, von mitfühlenden Ärzten, die ebenfalls wissenschaftlich geschulte Fachkräfte sind, behandelt zu werden, wird sich das Erscheinungsbild der Medizin ändern.
 
Wann hat das Ungleichgewicht zwischen dem Männlichen und Weiblichen begonnen?
Es hat nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt begonnen. Es lässt sich nicht vereinfacht mit den Begriffen das Männliche und das Weibliche erfassen. Es betrifft ebenso die beiden Aspekte Rationalität und Mystik. Die heutige Geschlechterkluft reicht bis ins Zeitalter der Aufklärung zurück. Während des Verlaufs der gesamten Geschichte schwang das Pendel stets zwischen den männlichen und weiblichen Polen hin und her.

Wozu diente die Spaltung der Geschlechter in der Geschichte?
Bemerkenswert finde ich, dass es unter Naturvölkern keine Spaltung der Geschlechter gab, lediglich eine Aufgabenteilung, die den offenkundigen Unterschieden zwischen Männern und Frauen entsprechend Rechnung trug.

Gibt es auch das heilige Männliche? Wenn ja, was ist es?
Natürlich! Gewöhnlich bringt man es mit dem verstandesmäßigen Design der Schöpfung in Verbindung. Wer die Welt in entweder/oder aufteilt, vereinfacht die Sache allerdings grob und verschleiert dadurch den möglichen Zugang zu einer tieferen Bedeutungsschicht des heiligen Männlichen oder verhindert, dass andere stichhaltige Einsichten gewonnen werden können. Angehörige von Urvölkern, die noch naturverbunden leben, haben eine ausgewogenere Einstellung. Keiner von ihnen schreibt der Spiritualität maskuline oder feminine Eigenschaften zu. Sie betrachten die Erde als Geschenk eines wohlwollenden Schöpfers, der sowohl eine männliche als auch eine weibliche Seite hat.